Roland Egger tauschte die Business-Class gegen den Führerstand: Mit 56 Jahren gab der Wiener seine Karriere als Topmanager auf und erfüllte sich seinen Jugendtraum. Heute steuert er einen Cityjet der ÖBB zwischen Wien und Bratislava, und nennt das den wahren Luxus seines Lebens.
Nach einer illustren Karriere, die ihn von Kuwait über Johannesburg bis Jakarta führte, verantwortete Egger zuletzt acht Jahre lang Einkauf und Logistik bei einem Süßwarenhersteller. Die Coronapandemie mit ihren endlosen Video-Calls und dem wachsenden Druck auf Effizienz und Wachstum brachte ihn an seine Grenzen: „Ich musste raus.“ Die Suche nach einer Alternative führte ihn ausgerechnet zurück zu den ÖBB, wo er in den 1980er-Jahren eine Lehre begonnen hatte. Sein Neffe arbeitet dort als Lokführer, und Egger informierte sich über Technik und Dienstpläne, zunächst skeptisch, ob man ihn überhaupt nehmen würde. Er bewarb sich mit einer Einleitung, die klarmachte: Das ist kein Scherz.
Die Auswahlverfahren meisterte der Quereinsteiger ohne Probleme, inklusive eines Medizin-Checks, für den er Gewicht und Blutdruck in Form brachte. Die anschließende Ausbildung dauert 52 Wochen und wird mit rund 38.000 Euro brutto im Jahr vergütet. Nach dem Abschluss steigt das Jahresgehalt auf knapp 48.000 Euro - deutlich weniger als in seinen besten Managerjahren, aber für Egger gerecht angesichts der Verantwortung für bis zu tausend Passagiere täglich. Die Bundesbahnen planen für 2026 insgesamt 600 Neuaufnahmen, denn Lokführer stehen auf der Liste der Mangelberufe. Der Dienstplan verlangt ihm einiges ab: Früh-, Spät- und Nachtdienste, manchmal 13 Stunden am Stück, oft auch an Feiertagen.
Seine tägliche Routine beginnt früh: Um 7.35 Uhr sitzt Egger im Führerstand, prüft Anzeigen und Signale, und pünktlich um 7.45 Uhr rollt der Zug mit rund 4000 PS aus dem Hauptbahnhof. Unterwegs gilt volle Konzentration, keine Anrufe, keine E-Mails, nur Gleise, Weichen und Signale. Die Ruhe und die Fokussierung auf das Hier und Jetzt schätzt er als großen Gewinn: „Ich werde Tag für Tag zufriedener, freier im Kopf. Das ist eigentlich unbezahlbar.“ Dass sein Umfeld den Wechsel als Abstieg sehen könnte, lässt ihn kalt. Seine Frau unterstützte ihn, und Freunde reagierten begeistert und ein wenig neidisch. Auch nach zwei Jahren bereut er die Entscheidung nicht.




