Wer gebildet und wohlhabend ist, nutzt künstliche Intelligenz häufiger und geschickter. Die anderen drohen abgehängt zu werden, zeigt eine Untersuchung aus Hongkong.
Chatbots schreiben Texte, Algorithmen sortieren Bewerbungen, Software erkennt Gesichter. Die Technik ist da. Aber wer kann sie nutzen? Nicht alle gleichermaßen, lautet die Antwort einer Forschergruppe um Sai Wang von der Hongkong Baptist University. Das Team hat Angaben von 10.000 US-Bürgern durchforstet. Das Muster ist eindeutig: Je dicker das Bankkonto und je länger der Bildungsweg, desto souveräner der Umgang mit intelligenten Systemen. Menschen am anderen Ende der Skala hinken hinterher.
Das hat Konsequenzen. Personalchefs lassen Lebensläufe von Programmen vorsortieren. Wer das weiß, frisiert seine Unterlagen entsprechend. Wer es nicht weiß, fliegt raus und versteht nicht warum. Auch Betrüger nutzen die Wissenslücke. Gefälschte Videos und Stimmen wirken täuschend echt. Wer die Tricks kennt, bleibt skeptisch. Wer ahnungslos ist, überweist Geld an Kriminelle.
Ein Befund irritierte selbst die Wissenschaftler: Das subjektive Gefühl, sich auszukennen, sagt mehr über das Bewusstsein für maschinelle Helfer aus als deren tatsächliche Nutzung. Klingt paradox, hat aber einen Grund: Algorithmen arbeiten oft im Verborgenen. Filmtipps beim Streaming, Beiträge im Feed, Produktvorschläge beim Onlinekauf, überall rechnen Maschinen mit, ohne dass es auffällt.
Dazu kommt ein strukturelles Problem: Die Systeme sind nicht neutral. Sie werden mit Daten gefüttert, die Menschen gesammelt haben, inklusive aller Vorurteile. Eine chinesische Untersuchung im Fachblatt PNAS Nexus dokumentierte kürzlich, dass populäre Sprachprogramme schwarze Männer schlechter einstufen als vergleichbar qualifizierte Konkurrenten. Aljoscha Burchardt vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz nennt ein Beispiel aus dem Recruiting: Lernt ein Auswahlprogramm aus vergangenen Einstellungen, dass hellhäutige Männer mittleren Alters gut ankamen, bevorzugt es künftig genau diesen Typ.
Burchardt macht auf eine Ironie aufmerksam: Sprachprogramme gefährden Schreibtischtätigkeiten stärker als handwerkliche Berufe oder Pflegejobs. Gleichzeitig können technikversierte Menschen Vorteile herausschlagen, etwa indem sie sich Schriftsätze für Behörden oder Gerichte generieren lassen.
Was tun? Der Experte plädiert für Wettbewerb: Eigene Modelle von Stiftungen, Medienhäusern oder europäischen Entwicklern. Nur dann könnten Nutzer eine Software wählen, die ihren Wertvorstellungen entspricht. Burchardt warnt davor, Amerika und China das Feld kampflos zu überlassen. Derzeit diktierten diese Länder die Technik und prägten die Debatte, während Europa lediglich konsumiere und bezahle. Sein Vorschlag für die Zukunft: Eine staatlich geförderte Basisversorgung mit intelligenten Systemen, ähnlich wie bei Telefon oder Internet. So bliebe die Technik kein Privileg der Wohlhabenden, sondern stünde allen offen.




