IAB-Forscherin Dr. Katharina Grienberger erklärt, warum fast zwei Drittel der Steuerberatertätigkeiten zwar technisch automatisierbar sind, der Beruf aber nicht verschwinden wird, sondern sich grundlegend wandelt.
Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg bewertet rund 4.000 Berufe danach, welcher Anteil ihrer Tätigkeiten technisch durch Maschinen oder KI übernommen werden könnte. Für Steuerberater liegt dieser Wert bei 62 Prozent, im oberen Feld aller untersuchten Berufsbilder. Grienberger betont jedoch: Es handele sich um eine Momentaufnahme technischer Machbarkeit, nicht um eine Jobprognose. Wirtschaftlichkeit, rechtliche Hürden, ethische Fragen und Mandantenpräferenzen blieben außen vor.
Wie stark sich Berufsbilder verändern, zeigt ein markantes Beispiel: Das Substituierbarkeitspotenzial für Steuerfachangestellte fiel von 100 auf 50 Prozent, ausgelöst durch eine neue Ausbildungsordnung 2023, die Kundenbetreuung und Beratungsleistungen stärker gewichtet, also genau jene Tätigkeiten, die KI bislang nicht leisten kann. Für Grienberger belegt das einen zentralen Zusammenhang: Berufsbilder wandeln sich schneller als je zuvor, eine Erstausbildung reiche für eine ganze Karriere nicht mehr aus.
Einen massiven Stellenabbau durch KI sieht Grienberger nicht: IAB-Projektionen erwarten in zehn bis fünfzehn Jahren ein Nullsummenspiel aus wegfallenden und neu entstehenden Stellen. Die derzeit verhaltene Einstellungspraxis bei Berufseinsteigern führt sie eher auf die schwache Konjunktur zurück als auf KI. Unternehmen betrieben teilweise regelrechtes KI-Washing und schoben der Technologie Entscheidungen in die Schuhe, die eigentlich konjunkturell bedingt seien.




