Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft will ihre Investitionen in künstliche Intelligenz in Produktivität ummünzen. Doch Mitarbeiter beklagen, dass das System falsche Anreize setzt.
Die Prüfungs- und Beratungsgesellschaft KPMG greift zu einem ungewöhnlichen Mittel, um ihre KI-Investitionen in Ergebnisse umzumünzen. Rund 10.000 Beschäftigte der amerikanischen Beratungssparte können neuerdings auf einem Dashboard ablesen, wie oft sie selbst und ihre Kollegen algorithmische Helfer einsetzen. Die Zielmarke: An drei Vierteln aller Arbeitstage sollen Berater zu den Werkzeugen greifen. Das System protokolliert Zugriffe auf verschiedene Plattformen: die konzerneigene Schnittstelle zu großen Sprachmodellen, Steuerplanungssoftware und Microsofts Produktivitätsassistenten.
Aus der Belegschaft kommen kritische Töne. Das Messinstrument belohne Masse statt Klasse, heißt es. Eine banale Eingabe schlage genauso zu Buche wie eine ausgefeilte Analyse. Wer wolle, könne das System mit sinnlosen Anfragen füttern oder die Interaktionen sogar automatisieren. Erschwerend kommt hinzu, dass spezialisierte Programmierwerkzeuge gar nicht erfasst werden. Wer dort arbeitet, bleibt unsichtbar. Die öffentliche Rangliste unter Kollegen erzeugt zusätzlichen Wettbewerbsdruck. Das Unternehmen beteuert zwar, es gehe um Förderung, nicht um Sanktionen. Doch die Versuchung, Vorgaben oberflächlich abzuhaken, liegt auf der Hand.
Das neue Messinstrument kommt zu einem heiklen Zeitpunkt. Wenige Wochen zuvor hatte das Haus mehrere Hundert Stellen in der US-Beratung gestrichen. Die Führung macht keinen Hehl daraus: Wer den Umgang mit intelligenten Systemen nicht beherrscht, hat mittelfristig schlechte Karten. Eigene Untersuchungen des Unternehmens zeigen eine wachsende Kluft. Zwar schmückt sich fast jede Organisation mit einer KI-Strategie, doch nur ein Bruchteil kann bislang nachweisbare Erträge vorweisen.
KPMG ist nicht allein mit dem Ansatz. Auch Banken und Technologiekonzerne behandeln den Umgang mit intelligenten Werkzeugen inzwischen wie eine klassische Leistungskennzahl. Der nächste Entwicklungsschritt zeichnet sich bereits ab. Sogenannte agentische Systeme, die eigenständig Abläufe koordinieren und Entscheidungen vorbereiten, stehen im Fokus. Das Unternehmen sieht hier die nächste große Welle.
Künftig will KPMG das Messsystem verfeinern. Statt bloßer Nutzungszahlen sollen anspruchsvollere Anwendungsmuster erfasst werden. Schulungen und Forschungspartnerschaften sollen die Belegschaft auf die gestiegenen Anforderungen vorbereiten. Die entscheidende Frage bleibt, ob die Beschäftigten den Werkzeugen vertrauen. Nur dann dürften die erhofften Produktivitätsgewinne tatsächlich eintreten. Das Unternehmen steht vor der Herausforderung, Kontrolle und eine Kultur zu verbinden, die echten Nutzen statt bloßer Aktivität honoriert.




