Elena Verna, Head of Growth beim Coding-Startup Lovable, spricht in einem viel beachteten Substack-Beitrag eine unbequeme Wahrheit aus. Die meisten viralen Berichte über bahnbrechende KI-Workflows halten in der Praxis nicht, was sie versprechen.
Sobald jemand gegenüber Verna behauptet, sein Arbeitsalltag sei durch KI grundlegend verändert worden, bittet sie um eine konkrete Vorführung. Die Ergebnisse fallen meist nüchterner aus als angekündigt. Die Werkzeuge helfen beim Zusammenfassen von Nachrichten, beim Beantworten von E-Mails oder bei wiederkehrenden Auswertungen. Nützliche Anwendungen also, jedoch weit entfernt von den angeblich außergewöhnlichen Leistungen, die in sozialen Netzwerken kursieren. Für Gründerinnen und Gründer birgt diese verzerrte Wahrnehmung erhebliche Risiken. Wer sich an inszenierten Beiträgen orientiert, formuliert für sein Team unerreichbare Ziele, macht Investoren überzogene Zusagen und übersieht die unspektakulären Verbesserungen, die sich langfristig auszahlen.
Bevor ein Unternehmen einen viralen Arbeitsablauf übernimmt, sollte es, so Verna, sorgfältig prüfen, ob dieser tatsächlich funktioniert. Wer eine Lösung nicht durchgängig demonstrieren kann, verfügt vermutlich nicht über eine funktionsfähige Umsetzung. Vergleichbares gilt intern. Bevor die eigene Investorenpräsentation das Unternehmen als KI-nativ ausweist, sollte die Geschäftsführung klären, welche Prozesse bei einem Ausfall der Technik tatsächlich zum Stillstand kämen. Auch die Personalauswahl bedarf nach Vernas Einschätzung einer Anpassung. Klassische Gespräche reichen nicht mehr aus, um zwischen sprachlicher Gewandtheit und tatsächlicher Kompetenz zu unterscheiden. Fallstudien und praktische Arbeitsproben sollten daher zum Standard werden. Wer im Auswahlverfahren kein KI-System aufbauen kann, wird dies auch später kaum leisten.
Führungskräfte sollten laut Verna kleine, aber reale Fortschritte sichtbar würdigen. Spart ein Arbeitsablauf 20 Minuten pro Tag, ist dies eine anerkennenswerte Leistung. Erfordert ein Agent eine ständige Kontrolle, sollte auch dieser Umstand offen benannt werden. Nur wenn Ehrlichkeit belohnt wird, entstehen jene belastbaren Erkenntnisse, aus denen sich eine tragfähige Strategie ableiten lässt. Ebenso bedeutsam ist ein realistischer Blick auf die Pflege der Systeme. Der erste Prompt mag reizvoll sein, die eigentliche Arbeit beginnt jedoch mit den darauffolgenden. Ohne eingeplanten Aufwand für Wartung, Auswertung und Nachjustierung existiert keine tragfähige KI-Strategie, sondern lediglich ein wirkungsvoller Beitrag in einem sozialen Netzwerk.




