Zehn Prozentpunkte Differenz bei Wertschätzung, doppelte Care-Arbeit-Last und Schwangerschaft als Karriereknick treiben Fluktuationsrisiko – männliches Top-Management erkennt strukturelle Barrieren nicht.
Eine repräsentative EY-Befragung von 1.555 Arbeitnehmern zeigt kritische Diskrepanzen zwischen den Geschlechtern auf Führungsebene. Während 82 Prozent der Manager Wertschätzung erleben, sind es bei Managerinnen lediglich 72 Prozent. Die Jobzufriedenheit liegt bei 46 Prozent (Männer) versus 39 Prozent (Frauen), die Motivation bei 87 versus 82 Prozent. Besonders brisant: 62 Prozent der weiblichen Führungskräfte halten ihre Vergütung für unangemessen – bei Männern sind es 56 Prozent. Ein Drittel der Managerinnen (32 Prozent) bewertet das Gehaltsgefüge als unfair, bei männlichen Kollegen nur ein Viertel (25 Prozent).
Die Konsequenz manifestiert sich in erhöhter Wechselbereitschaft: 17 Prozent der Managerinnen planen einen Arbeitgeberwechsel, bei Managern 14 Prozent. Jan-Rainer Hinz, Leiter Personal und Unternehmenskultur bei EY: „Dass Frauen in Führungspositionen seltener Anerkennung erhalten, häufig unzufriedener und entsprechend weniger motiviert sind, sollte zu denken geben. Gesellschaftlich, aber auch aus Sicht der Unternehmen. Die Frage ist, woher diese Unzufriedenheit kommt und was Arbeitgeber dagegen tun können. Denn es besteht offensichtlich Handlungsbedarf, was sich auch am höheren Anteil der weiblichen Beschäftigten zeigt, die es zu einem neuen Arbeitgeber zieht."
67 Prozent der weiblichen Führungskräfte berichten von gestiegener Arbeitsbelastung – bei Männern 64 Prozent. Kritisch: 31 Prozent der Managerinnen erleben eine starke Zunahme, bei männlichen Kollegen nur 22 Prozent. Der Haupttreiber: asymmetrische Care-Arbeit-Verteilung. 34 Prozent der Managerinnen tragen primär Haushalt, Kinderbetreuung und Angehörigenpflege zusätzlich zur Führungsposition – bei Managern geben dies 16 Prozent an. Paritätische Verteilung existiert nur in 33 Prozent der Management-Haushalte.
Nicole Dietl, Partnerin Assurance und Talent Leaderin bei EY: „Das Thema ,Care Arbeit' hat in den vergangenen Jahren in der öffentlichen Wahrnehmung enorm an Bedeutung und Sichtbarkeit gewonnen, es hat enormes gesellschaftliches Gewicht bekommen. An der Grundproblematik hat sich aber bedauerlicherweise wenig geändert: Diese Arbeit wird überwiegend von Frauen geleistet – oftmals zusätzlich zur fordernden beruflichen Tätigkeit, was sehr viel Energie kostet."
40 Prozent der Frauen mit Schwangerschaftserfahrung berichten von Karrierenachteilen – in der Privatwirtschaft 43 Prozent, im Öffentlichen Dienst 31 Prozent. Männer unterschätzen diesen Mechanismus systematisch: Nur 33 Prozent erkennen Schwangerschaft als Karrierehindernis, bei Frauen sind es 40 Prozent. Die Wahrnehmungs-Schere öffnet sich auch bei Chancengleichheit: 67 Prozent der Männer attestieren ihrem Arbeitgeber gute Bedingungen, aber nur 51 Prozent der Frauen. Unter Führungskräften verschärft sich das Bild: 75 Prozent der Manager versus 56 Prozent der Managerinnen sehen Gleichstellung bei Karriere, Bezahlung und Projektallokation.
Nicole Dietl: „Die Erfahrungen von Frauen auf dem Weg nach oben unterscheiden sich offensichtlich deutlich von denen der Männer. Während die große Mehrheit der männlichen Führungskräfte gute Aufstiegschancen für Frauen sehen, sind die Frauen selbst deutlich skeptischer. Das Problem: Das Top-Management der meisten Unternehmen besteht immer noch überwiegend aus Männern. Wenn da kein Problembewusstsein besteht, stehen die Chancen schlecht, dass es zukünftig für Frauen leichter wird, im Unternehmen aufzusteigen."




