Der Kampf um qualifizierten Nachwuchs in der Steuerberatung wird härter. Anja Staffe, Teamlead Talent Acquisition bei Forvis Mazars, sieht das Berufsbild vor einem tiefgreifenden Wandel. Klassische Auswahlkriterien wie der lückenlose Lebenslauf verlieren in ihren Augen zunehmend an Bedeutung.
Der Steuerberuf hat es derzeit schwer. Die Zahl der Studierenden in diesem Fachbereich geht zurück, gleichzeitig kämpft die Branche mit einem angestaubten Ruf. Hinzu kommt eine Prüfungspraxis, die nach Staffes Einschätzung dringend überholt gehört. Der zu bewältigende Stoffumfang sei enorm, die Quote derjenigen, die durchfallen, liege bei ungefähr der Hälfte der Kandidaten. Zwar ist eine Reform angestoßen, doch sie kommt aus ihrer Sicht zu langsam voran. Gefordert seien ein zugänglicheres Prüfungsverfahren und eine zeitgemäße Darstellung des Berufsbilds, in der auch die Rolle künstlicher Intelligenz deutlich sichtbar werde.
Ausgerechnet der Umgang mit künstlicher Intelligenz entwickelt sich laut Staffe zu einem entscheidenden Kriterium in Bewerbungsgesprächen. Wer heute in eine Kanzlei einsteigt, möchte die Zukunft mitgestalten und nicht mit veralteten Werkzeugen arbeiten. Innerhalb der Belegschaft gehe es zudem darum, Vorbehalte abzubauen. Über Formate wie einen wöchentlich verteilten Prompt sollen Beschäftigte behutsam mit den neuen Möglichkeiten vertraut gemacht werden.
Bewerberinnen und Bewerber jüngerer Jahrgänge bringen ein anderes Wertegerüst mit an den Verhandlungstisch. Themen wie das persönliche Wohlbefinden, gesundheitliche Balance und ein spürbarer Mehrwert der Tätigkeit rücken in den Vordergrund. Staffe hält diese Prioritäten grundsätzlich für nachvollziehbar. Zugleich beobachtet sie auch überzogene Ansprüche. Wer mit 23 Jahren das Steuerberaterexamen bestehe und unmittelbar eine Gehaltserhöhung um 30.000 Euro erwarte, unterschätze den Stellenwert praktischer Berufserfahrung.
Fachliches Steuerwissen bleibt eine Voraussetzung, tritt aber künftig in seiner Bedeutung zurück. In den Vordergrund rücken andere Fähigkeiten: der souveräne Umgang mit KI, das Verständnis komplexer Prozesse, kommunikative Stärke sowie analytisches Denkvermögen. Eine geradlinige Berufsbiografie, wie sie viele Kanzleien noch immer erwarten, sagt aus Staffes Sicht immer weniger darüber aus, ob eine Person den kommenden Anforderungen tatsächlich gewachsen sein wird.




