Gestützt auf privates Kapital und KI-Expertise ziehen junge Beratungshäuser Talente und Mandanten ab, worauf die Großen mit juristischer Härte und neuen Vergütungsmodellen reagieren.
Wie ernst die Lage für die etablierten Häuser ist, zeigte sich im Februar. Damals gingen im Auftrag von PwC juristische Schreiben an eine leitende Kraft der Beratungsboutique Unity Advisory, gegründet von Marissa Thomas, einer früheren COO von PwC UK, gemeinsam mit dem einstigen EY-UK-Chef Steve Varley und ausgestattet mit 300 Millionen Dollar Private-Equity-Kapital. Ihr erklärtes Ziel ist es, den Big Four Kunden und Personal abzuwerben. PwC konterte scharf, verwies auf Wettbewerbs- und Abwerbeverbote und drohte ausscheidenden Partnern mit dem Verlust von Renten- und Gesundheitsleistungen. Inzwischen ist der offene Streit beigelegt, doch die dahinterliegende Bedrohung bleibt.
Dass es sich nicht um Einzelfälle handelt, untermauern die Marktdaten. Kleinere und mittlere Beratungen wuchsen im vergangenen Jahr um acht Prozent, während die Branche insgesamt nur drei Prozent zulegte. Allein zum Herausforderer Alvarez & Marsal wechselten binnen eines Jahres rund 160 Führungskräfte der Big Four in Europa. Zugleich schrumpfen die Großen, denn PwC verlor weltweit 5.600 Stellen, McKinsey rund 5.000, und auch Deloitte und EY kürzten Personal oder Vergütung. Ein Teil davon ist zwar routinemäßige Restrukturierung, doch die Richtung ist unverkennbar.
Hinter der Entwicklung steht ein struktureller Bruch. Die Logik der Big Four beruht darauf, Prüfung und Beratung unter einem Dach zu bündeln, doch die seit Enron stetig verschärfte Regulierung hat diesem Modell laut Laura Empson von der Bayes Business School zunehmend den kommerziellen Boden entzogen. Verschärfend kommt hinzu, dass die Herausforderer mit KI-nativer Expertise werben und damit ausgerechnet die Heerscharen an Nachwuchsberatern der Großen überflüssig zu machen drohen. Ein Beispiel liefert Elixirr-Chef Stephen Newton, dessen Haus für einen Versicherer eine automatisierte Plattform baute, die dessen Bearbeitungskosten um 60 Prozent senkte.
Zusätzlichen Schub erhält der Umbruch durch den Zustrom privaten Geldes. Der Investor EQT steckte 500 Millionen Euro in eine von einem Ex-EY-Partner gegründete Steuerberatung, und Bridgepoint übernahm Interpath Advisory zu einer kolportierten Bewertung von 800 Millionen Pfund. Die Big Four reagieren zweigleisig. Zum einen setzen sie ihre Wettbewerbs- und Abwerbeverbote deutlich rigoroser durch als früher, teils mit langen Zwangspausen für Wechselwillige. Zum anderen überdenken sie ihre Vergütung, denn gerade die um die 40-Jährigen, die einen Großteil der Arbeit stemmen, profitieren im starren Lockstep-System bislang unterdurchschnittlich. Dass der Sprung zum Herausforderer dennoch nicht für jeden das Richtige ist, räumt selbst Newton ein, von dessen zahlreichen Partnerzugängen nur die Hälfte dauerhaft funktionierte.




