Für Bilanzexperten ist das S-1-Filing des US-KI-Labors Anthropic vor allem eine Lehrstunde in bereinigten Kennzahlen, Klumpenrisiken und kapitalintensivem Wachstum.
Im Frühjahr sorgte Anthropic mit der Aussicht auf ein erstes profitables Quartal für Schlagzeilen. Der Börsenprospekt, über den Reuters und die Financial Times berichten, relativiert diese Botschaft deutlich. Das positive Ergebnis beruht offenbar auf einer eigens angepassten Methodik, gestützt durch vergünstigte Rechenkapazität, die xAI dem Unternehmen im Mai und Juni auf seinem Supercomputer Colossus überließ. Der US-Techkritiker Ed Zitron hatte diesen Effekt bereits früh moniert. Legt man die an der Börse üblichen Rechnungslegungsstandards an, bleibt Anthropic aller Voraussicht nach defizitär.
Wie weit der Weg zur echten Profitabilität ist, zeigt das Geschäftsjahr 2025. Knapp 58 Prozent der gesamten Kostenbasis von 12,65 Milliarden US-Dollar flossen in Hardware, während die Erlöse bei lediglich 4,6 Milliarden lagen. Operativ ergibt sich daraus ein Minus von mehr als 8 Milliarden, nach Berücksichtigung buchhalterischer Verluste sogar ein Gesamtfehlbetrag von nahezu 42 Milliarden. Und die Investitionskurve zeigt weiter steil nach oben: Für Rechenzentren und Infrastruktur sind in den kommenden Jahren 518 Milliarden US-Dollar eingeplant.
Prüfer dürften zudem die Umsatzstruktur kritisch betrachten. Nur zwei Großkunden, nach Informationen von VentureBeat GitHub Copilot und der inzwischen von SpaceX erworbene Code-Editor Cursor, generierten 2025 ein Viertel der Einnahmen. Ungewöhnlich breit fällt auch der Risikoteil aus, der rund ein Drittel des Dokuments füllt und bis hin zu einer möglichen Bedrohung der Menschheit durch fortgeschrittene KI reicht. Dennoch soll der Börsengang eine Bewertung jenseits der 2 Billionen US-Dollar bringen, mehr als der Rekord-IPO von SpaceX. Starten könnte die Emission nach den US-Kongresswahlen Anfang November, also noch vor dem für 2027 erwarteten Debüt von OpenAI.




