Berater unter Zugzwang: Wenn die KI den Nachwuchs ersetzt

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June 2, 2026
03.06.2026
4 Minuten Lesezeit

In London entstehen junge Beratungsfirmen, die mit minimalem Personal und viel künstlicher Intelligenz an die Tür der etablierten Großhäuser klopfen. Die Folgen reichen bis in die Personalpolitik der Wirtschaftsprüfer.

Wenn das alte Rezept nicht mehr aufgeht

Über Jahrzehnte funktionierte das Geschäft der großen Beratungshäuser nach einem klaren Muster. Frisch eingestellte Hochschulabsolventen lieferten die Fleißarbeit, die ihre Vorgesetzten den Mandanten als Stundenleistung verkauften. Aus diesem Modell flossen die Gewinne, die irgendwann bei den Partnern landeten. Inzwischen wird dieses Räderwerk an mehreren Stellen gleichzeitig blockiert.

Den ersten Hebel setzt die Technik an. Was Junior-Berater früher in mühsamer Kleinarbeit erledigten, schaffen Sprachmodelle in einem Bruchteil der Zeit. Damit bricht die Grundlage weg, junge Leute massenweise einzustellen und ihre Stunden weiterzuverkaufen. Hinzu kommt der Druck der Kunden, die nicht mehr nach Zeitaufwand bezahlen wollen, sondern nach erreichten Ergebnissen. Bei McKinsey ist bereits ein Drittel der Mandate auf solche Erfolgsmodelle umgestellt.

Frische Gesichter aus London

Während die Großen umbauen, formieren sich Herausforderer. In der britischen Hauptstadt firmiert seit Kurzem Queen's Tower Advisory. Hinter dem Namen steht Mark Bunker, der zuvor bei Deloitte als Senior Advisory Partner gearbeitet hat. Sein Konzept klingt radikal: Acht von zehn Mitgliedern eines Teams sollen aus Software bestehen, nur der Rest aus Menschen.

Ähnlich gestrickt ist Unity Advisory, ebenfalls gegründet von Aussteigern aus den Reihen der vier Marktführer. Geld bekommen beide Firmen von Finanzinvestoren, die in dem Modell hohe Renditechancen sehen. Auch in benachbarten Disziplinen läuft es nach diesem Muster. Bei der WTS Group, einem auf Steuern spezialisierten Anbieter, haben europäische Beteiligungshäuser mehr als eine halbe Milliarde Euro zugesagt. Mit dem Geld will WTS innerhalb von fünf Jahren hundert neue Partner gewinnen.

Spürbare Einschnitte bei den Etablierten

Wie ernst die Lage ist, zeigt der Blick auf die Zahlen. Der börsennotierte Konzern Accenture hat seit dem Höchststand vor knapp fünf Jahren mehr als die Hälfte seines Marktwerts eingebüßt. Bei PwC ging die weltweite Beschäftigtenzahl im vergangenen Geschäftsjahr um 5.600 zurück. Auf der Insel selbst dampfen die vier großen Häuser die Übernahme von Hochschulabgängern ein.

Lisa Fernihough, in Großbritannien für die Beratungssparte von KPMG zuständig, lässt durchblicken, wie groß die Sorge intern ist. Sie wolle, dass ihre Firma in einigen Jahren überhaupt noch existiere, sagte sie gegenüber der Financial Times. KPMG hat darauf reagiert und eine eigene Einheit ins Leben gerufen, die schneller mit neuer Technik experimentieren darf als der schwerfällige Konzernapparat. Das Vorhaben läuft intern unter dem Codenamen Project Watts.

Karrierebrücken werden schmaler

Die Verschiebungen reichen über die Branche hinaus. Wirtschaftsprüfer und Berater zählen seit Jahrzehnten zu den wichtigsten Arbeitgebern für junge Absolventen in der Londoner City. Wenn deren Türen sich schließen, bricht eine zentrale Karriereoption weg. Recruiter berichten unisono, dass die Pläne für den kommenden Jahrgang nach unten zeigen.

Die Boston Consulting Group versucht den Wandel offensiv zu gestalten und gibt an, vier von zehn Euro inzwischen mit Projekten zu verdienen, die rund um KI und Technologie laufen. Andere folgen mit eigenen Initiativen.

Wer am Ende übrig bleibt

Paradox dabei: Die mächtigen Konzerne haben Kapital und globale Netzwerke, die Neugründungen haben Tempo und Flexibilität. Wirklich in der Klemme stecken jene Häuser in der Mitte, denen weder das eine noch das andere zur Verfügung steht. Ob sich daraus eine echte Neuordnung der Branche entwickelt oder bloß eine Verschiebung zwischen den Etagen, wird sich in den nächsten Quartalen entscheiden.

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