Der „AI Scare Trade“ beherrscht die Kapitalmärkte und radiert binnen Tagen Billionen-Werte aus. Investoren verkaufen erst, analysieren später - eine gefährliche Dynamik für CFOs und Portfoliomanager.
Die Irrationalität der Märkte zeigt sich exemplarisch am Fall C.H. Robinson Worldwide: Der Logistikkonzern verlor am Donnerstag 15 Prozent Börsenwert, nachdem Algorhythm Holdings - bis September 2024 als The Singing Machine im Karaoke-Geschäft tätig - eine KI-Plattform für Frachtabwicklung ankündigte. Der Russell 3000 Trucking Index brach um 6,64 Prozent ein. Die Marktkapitalisierung von Algorhythm Holdings beträgt 21 Millionen Dollar, C.H. Robinson bringt selbst nach dem Absturz 21 Milliarden Dollar auf die Waage. Emmanuel Cau von Barclays bringt die Stimmung auf den Punkt: „Anleger zeigen gerade keinerlei Gnade für alles, was auch nur entfernt als KI-Verlierer gilt.“ Das Motto lautet derzeit „Shoot now, ask later“ - ob SemiCab tatsächlich die Logistikbranche revolutioniert, ist völlig offen.
Der S&P 500 Software & Services Index hat seit Oktober zwei Billionen Dollar an Wert eingebüßt, die Hälfte davon allein in den vergangenen zwei Wochen. Expedia verlor an einem Tag 15 Prozent, Salesforce 8,5 Prozent, Thomson Reuters über sieben Prozent. Die Finanzbranche traf es ebenso hart: Charles Schwab büßte 8,7 Prozent ein, LPL Financial elf Prozent, nachdem Altruist KI-basierte Steuerplanungsfunktionen einführte. Versicherungsaktien stürzten ab, als Insurify ein ChatGPT-gestütztes Vergleichstool für Kfz-Versicherungen lancierte - Aon verlor über neun Prozent, Mony Group 14 Prozent. Selbst der Immobiliensektor geriet unter Druck, als CBRE-Chef Robert Sulentic die langfristigen Auswirkungen von KI auf die Büroflächennachfrage thematisierte. CBRE verlor 14,6 Prozent, Jones Lang LaSalle 16,5 Prozent, Cushman & Wakefield fast 20 Prozent.
Die pauschalen Abverkäufe ignorieren fundamentale Unterschiede zwischen Unternehmen. Charles Schwab verwaltet über sieben Billionen Dollar - eine Vertrauensleistung, die kein reines KI-Tool substituieren kann. Bert Flossbach von Flossbach von Storch investiert aktuell in SAP: „Vor einem Jahr war die Aktie sehr teuer, diese Überbewertung ist inzwischen weg. SAP ist tief bei den Anwendern integriert, die Wertschöpfung ist groß.“ Die Börse übersieht systematisch, dass KI-Unternehmen auch helfen können, Prozesse zu optimieren. Wer Liquidität bereithält, findet derzeit Einstiegschancen. Allerdings empfiehlt sich sukzessives Nachkaufen statt Einmalinvestitionen. Der S&P 500 Equal Weight performt derzeit stärker als der S&P 500, da er weniger von fallenden Tech-Werten belastet wird. Seit Jahresanfang hat er fast sechs Prozent gewonnen, während der S&P 500 leicht verloren hat.




