KPMG setzte bei Verhandlungen mit dem eigenen Abschlussprüfer Grant Thornton auf ein ungewöhnliches Druckmittel: die Effizienzversprechen Künstlicher Intelligenz.
Eine bemerkenswerte Konstellation sorgt in der Branche für Gesprächsstoff. KPMG International, die in Großbritannien ansässige Koordinierungsgesellschaft des weltweiten Prüfungsnetzwerks, ließ sich selbst von Grant Thornton UK testieren. Bei den Honorargesprächen im vergangenen Jahr griff KPMG zu einem Argument, das aufhorchen lässt: Die Investitionen in KI-Technologie müssten sich in niedrigeren Gebühren widerspiegeln. Berichten der Financial Times zufolge stellte man sogar einen Prüferwechsel in den Raum, sollte Grant Thornton keine deutliche Reduktion akzeptieren.
Wirtschaftsprüfer stecken erhebliche Mittel in algorithmische Werkzeuge. Automatisierte Datenanalysen, optimierte Prüfungsplanung und beschleunigte Routineprozesse sollen die Arbeit effizienter machen. KPMG argumentierte, dass Grant Thornton diese Möglichkeiten nutzen und die Einsparungen an Mandanten weitergeben solle. Hinzu kam der Verweis auf die überschaubare Komplexität der eigenen Finanzunterlagen und das über Jahre aufgebaute Wissen des Prüfers.
Die Taktik funktionierte. Unterlagen beim britischen Companies House belegen, dass Grant Thornton einer günstigeren Honorarstruktur zustimmte. Für die Prüfung 2025 stellte die Gesellschaft 357.000 Dollar in Rechnung. Im Vorjahr hatte der Betrag noch 416.000 Dollar betragen. Der Rückgang beläuft sich auf rund 14 Prozent.
Was für KPMG funktionierte, ist anderswo nicht zu beobachten. Auswertungen von Ideagen Audit Analytics zeigen, dass Prüfungshonorare bei börsennotierten Unternehmen insgesamt weiter steigen. Die millionenschweren KI-Investitionen der Prüfungsgesellschaften schlagen sich offenbar nicht flächendeckend in günstigeren Konditionen für Mandanten nieder.
Der Vorgang dürfte Wellen schlagen. Wenn eine der großen Vier selbst KI-bedingte Kostensenkungen einfordert und durchsetzt, werden andere Auftraggeber ähnliche Forderungen stellen. Die Frage, wem die Produktivitätsgewinne der Technologie zustehen, wird damit zum festen Bestandteil künftiger Honorardiskussionen.




