Der frühere Betriebsprüfer Roger Gothmann hat sein profitables Umsatzsteuer-Geschäft aufgegeben, um Taxdoo ganz auf KI-Buchhaltung auszurichten. Für Steuerberater sieht er eine neue Rolle.
Es ist ein ungewöhnlicher Schritt: Ein Unternehmen gibt genau das Feld auf, in dem es die Spitze erreicht hat. Taxdoo, 2016 von Gothmann mitgegründet und in Hamburg ansässig, hatte sich mit der Verrechnung von Umsatzsteuer im internationalen Onlinehandel einen Namen gemacht. Dennoch gaben die Gründer dieses Standbein auf. Zwei Kräfte gaben den Ausschlag: absehbare EU-Vorgaben, die das Geschäft ohnehin umgekrempelt hätten, und der Sprung der KI-Technologie. Beides parallel zu betreiben sei gescheitert, ein Unternehmen lasse sich nicht auf zwei Zukunftswetten gleichzeitig ausrichten.
Wie weit die Technik reicht, macht Gothmann am Alltag fest. Wo Software vor einigen Jahren nur Belege ausgelesen und sortiert habe, erledige sie heute ganze Abschnitte der Buchführung selbst. Bei einem Freiberufler mit überschaubarem Belegaufkommen laufe vieles ohne Zutun, komplizierte Fälle beantworte das System mit Vorschlägen, über die am Ende ein Mensch entscheidet, wobei jede Freigabe das Modell schärft. Sein nüchterner Zusatz: Vollständig eigenständig arbeite KI noch längst nicht, ihre Stärke liege im Wiederkehrenden, und dort werde sie oft unterschätzt.
Für den Berufsstand leitet Gothmann daraus keine Bedrohung ab, sondern eine Verschiebung. Was sich automatisieren lasse, werde automatisiert, doch die Haftung könne keine Maschine tragen. Mandanten brauchten jemanden, der Zahlen deutet, Ausnahmen bemerkt und geradesteht. Der Schwerpunkt wandere damit von der Verarbeitung zur Beratung. Den entscheidenden Vorteil sieht er ohnehin weniger in der Technik als in den Daten dahinter: welche Informationen nötig sind, wo sie liegen und wie sich zusammenführen lässt, was heute noch getrennt ist.




