Die sechs größten US-Banken meldeten zuletzt 47 Milliarden Dollar Gewinn bei gleichzeitig 15.000 gestrichenen Stellen. Ein Blick hinter die Rhetorik ihrer Vorstandschefs zeigt: Nicht jede Streichung ist ein KI-Schock, aber die Branche verändert sich grundlegend.
Bank-of-America-Chef Brian Moynihan hatte noch vor wenigen Monaten öffentlich erklärt, KI sei keine Bedrohung für die Jobs seiner 210.000 Mitarbeitenden. Als die Bank für das erste Quartal 8,6 Milliarden Dollar Gewinn meldete, klang er anders: Man habe 1.000 Stellen abgebaut, indem man Arbeit eliminiert und Technologie eingesetzt habe. Dieser Technologie sei KI, betonte er mehrfach. Wells-Fargo-Chef Charlie Scharf brachte auf den Punkt, was viele Kollegen nicht offen aussprechen: KI ermögliche es, Dinge sehr viel effizienter zu erledigen, als Menschen es bisher getan haben. Die meisten Bankchefs hätten Angst, das zu sagen, weil niemand erklären wolle, dass man künftig weniger Personal brauche. Laut dem Branchenportal ETBFSI haben mindestens 16 Finanz- und Bankhäuser 2026 zusammen 63.282 Stellen gestrichen, im Schnitt rund 5,5 Prozent der Belegschaft. Den Kern bilden Citigroup mit rund 20.000, HSBC mit bis zu 20.000 und Standard Chartered mit rund 7.800 angekündigten Streichungen.
Morgan Stanley hat seine Prognose für den KI-getriebenen Stellenabbau im europäischen Banksektor auf bis zu 400.000 Stellen bis 2030 verdoppelt, das entspräche 20 Prozent der gesamten europäischen Bankbeschäftigung. Doch ausgerechnet J.P.-Morgan-Chef Jamie Dimon lieferte die nüchternste Einordnung: Viele Unternehmen hätten zu viel Bürokratie aufgebaut und nutzten KI womöglich, um zu kaschieren, dass sie diese Leute von vornherein nie hätten einstellen dürfen. Goldman-Chef David Solomon räumte ein, ein Großteil des bisherigen Abbaus im eigenen Haus sei Korrektur nach dem Einstellungsrausch der Niedrigzinsjahre 2020 und 2021 gewesen. In Deutschland zeichnet sich unterdessen ein leiserer Pfad ab: DWP-Bank-Vorständin Kristina Lindenbaum und LBBW-Vorständin Stefanie Münz deuteten an, Stellen über natürliche Fluktuation schlicht nicht mehr nachzubesetzen. Für die Branche ergibt sich eine unbequeme Doppelbotschaft: Kurzfristig steigen die Gewinne, während die Köpfe sinken. Mittelfristig aber kappt eine Industrie, die ihre Junior-Jahrgänge um bis zu zwei Drittel kürzt, genau jene Lehrlingsbasis, aus der ihre künftigen Führungskräfte erwachsen sollen.




