Führende Ökonomen halten tiefgreifende Reformen im deutschen Sozialstaat für unausweichlich. DIW-Präsident Marcel Fratzscher sieht ein höheres Renteneintrittsalter als unvermeidlich und verweist auf Dänemark und Japan als Vorbilder.
„Als Realist fehlt mir die Fantasie", sagt DIW-Präsident Marcel Fratzscher mit Blick auf die Umsetzung wichtiger Reformen. Dem Bundeskanzler persönlich traue er den großen Wurf bei Subventionen, Steuern und Rente zu, doch CDU, CSU und SPD seien die größten Hürden. Oliver Holtemöller, Vizepräsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle, führt das Zögern auf den noch robusten Arbeitsmarkt zurück: Anders als zu Zeiten der Agenda 2010 sei Massenarbeitslosigkeit bislang kein Thema. Beide Ökonomen sehen erheblichen Konsolidierungsbedarf im Bundeshaushalt. „Eine Konsolidierung des Bundeshaushalts ohne Leistungskürzungen bei der Rente als größtem Einzelposten dürfte kaum möglich sein", so Holtemöller.
„Die Rente mit 70 wird kommen", sagt Fratzscher und hält ein höheres Renteneintrittsalter für unvermeidlich. Andere Länder wie Dänemark machen es vor, und Beispiele wie Japan zeigen, dass längeres Arbeiten weder krank noch unglücklich machen müsse. Holtemöller plädiert für einen Paradigmenwechsel bei Subventionen: weg von pauschalen Branchenförderungen, hin zu gezielter Unterstützung Bedürftiger. „Nicht die Theaterkarte sollte subventioniert werden, sondern der Theatergänger, der sich den Eintritt sonst nicht leisten kann", sagte er. Fratzscher nennt konkrete Einsparpotenziale: „Dieselprivileg, Dienstwagenprivileg, Pendlerpauschale – das sind Milliardenbeträge, die einzelne Gruppen bevorzugen. Das ist weder effizient noch gerecht."




