Die Big-Four-Gesellschaft EY überarbeitet Einstellungskriterien, Beförderungslogik und Karrieremodelle grundlegend. Im KI-Zeitalter zählen Wirkung und Kompetenz mehr als Titel und Betriebszugehörigkeit.
Ginnie Carlier, Chief Talent and Culture Officer von EY Americas, beschreibt die Richtung unmissverständlich: „Die traditionelle Organisationspyramide weicht flexibleren Karriereportfolios, in denen Wirkung wichtiger ist als Titel oder Betriebszugehörigkeit.“ Beförderungen, die bislang primär auf geschäftlichen Anforderungen und der Erfüllung der nächsten Karrierestufe basierten, werden künftig durch agile Förderrunden und den erweiterten Einsatz von Kompetenzbewertungen ergänzt. Routinetätigkeiten wie manuelle Recherche oder standardisierte Präsentationserstellung verlieren an Gewicht; im Vordergrund stehen Datensynthese, kritische Bewertung von KI-Ergebnissen und strategisches Kommunikationsvermögen. Auch die Anforderungen an Führungskräfte verschärfen sich: Sie sollen psychologisch sichere Umgebungen schaffen, in denen Teams aus Menschen und KI-Agenten gleichermaßen effektiv arbeiten können.
EY verlangt von allen Berufseinsteigern inzwischen eine kompetenzbasierte Bewertung und hat das Einstellungsmodell angepasst, um gezielt Kandidaten zu identifizieren, die mit KI-Technologien wachsen können. Das Rotationsprogramm "360 Careers", gestartet im Sommer 2024, ermöglicht Berufseinsteigern den systematischen Durchlauf durch verschiedene Unternehmensbereiche und ist Teil einer Investition von einer Milliarde US-Dollar in Talent und Technologie. Diese umfasst neben höheren Einstiegsgehältern auch KI-gestützte Audit- und Steuerplattformen sowie erweiterte Studienförderung. Carlier betont, dass EY dadurch aus einem deutlich breiteren Talentpool schöpft: Bewerber ohne klassischen Hochschulabschluss, neurodiverse Talente und hochspezialisierte Fachkräfte kommen verstärkt zum Zug.
EY ist mit diesem Kurs nicht allein. Bei der Boston Consulting Group gilt KI-Nutzung laut globaler People-Chefin Alicia Pittman bereits als selbstverständliche Erwartung; knapp 90 Prozent der 33.000 Mitarbeitenden nutzen KI, rund die Hälfte davon täglich. Bewertet werden Berater jedoch weiterhin danach, wie sie KI-Erkenntnisse interpretieren und in Kundenentscheidungen übersetzen.




