Der Managementexperte empfiehlt, Führungskultur und Werte über die Vergütung zu stellen, denn langfristiger Karriereerfolg entsteht durch kulturelle Passung.
Simon Sineks Golden Circle-Modell bietet einen ungewöhnlichen Kompass für Bewerbungsprozesse. Die zentrale Frage lautet: Warum existiert dieses Unternehmen? Erst wenn das WHY zur eigenen Motivation passt, sollten HOW und WHAT folgen. Die Höhe des Einstiegsgehalts rückt damit bewusst in den Hintergrund. Die Logik dahinter: Kulturelle Passung erzeugt Loyalität und nachhaltigen Erfolg. Ein attraktives Gehaltspaket mag kurzfristig überzeugen, gleicht aber weder mangelnde Entwicklungsperspektiven noch problematische Führungsstrukturen aus.
Sinek schlägt vor, potenzielle Vorgesetzte außerhalb formaler Interviewsituationen kennenzulernen. Ein Kaffee oder Spaziergang verrät oft mehr als strukturierte Gesprächsrunden. Relevant sind Fragen wie: Wie geht die Person mit Kritik um? Wie äußert sie sich über Teammitglieder? Arbeitgeber sollten laut Sinek offen über ihre Kultur sprechen, inklusive der Schwachstellen. Bewerber profitieren, wenn sie gezielt nachfragen: Wie werden Konflikte gelöst? Wie feiert das Team Erfolge?
Das Gehaltsthema wird nicht ausgeblendet, sondern zeitlich verlagert. Sineks Empfehlung: Nach bewiesener Leistung verhandeln, nicht beim Einstieg. Karriere funktioniert als Kontinuum, nicht als einmaliges Event. Entscheidend ist die Formulierung. Statt harter Forderungen besser: „Ich plane langfristig hier zu bleiben. Welchen Weg können wir gemeinsam entwickeln, um mein Zielgehalt zu erreichen?" Das signalisiert Verbundenheit und Weitsicht. Experten der Munich Business School ergänzen: Benchmark-Daten kennen, aber zunächst nach Weiterbildung und Aufstiegschancen fragen.
Eine Deloitte-Studie belegt: Starke Unternehmenskultur erhöht die Mitarbeiterbindung um 30 Prozent. Geringerer Wechselstress, bessere Lernumgebung und stärkere Netzwerke zahlen sich mittelfristig finanziell aus.
Ein Rechenbeispiel: Person A entscheidet sich für das höhere Gehalt, findet keine Förderung und kündigt nach 18 Monaten. Person B startet mit weniger Vergütung, entwickelt sich, übernimmt nach zwei Jahren Führungsverantwortung und verhandelt 25 Prozent mehr Gehalt. Nach drei Jahren liegt B vorn.
Fachliche Fähigkeiten lassen sich erlernen, Charakter nicht. Eine destruktive Führungskraft belastet unabhängig vom Gehaltszettel. Im Bewerbungsprozess lohnt ein einfacher Test: Nach einem gescheiterten Projekt fragen. Reflektierte Führungskräfte zeigen Lernbereitschaft und übernehmen Verantwortung. Problematische Vorgesetzte weichen aus oder suchen Schuldige.
Sineks Ansatz erscheint radikal in einer Welt, die Vergütung als Erfolgsmaßstab feiert. Die Argumentation überzeugt dennoch: Wer unter guter Führung arbeitet, entwickelt sich schneller und verdient langfristig besser. Das Gehalt wird zum Ergebnis kluger Entscheidungen. Finanzielle Sicherheit bleibt wichtig, doch der Weg dorthin führt über Umgebungen, die stärken statt auslaugen.




