Steuerkanzleien und KI: Praxistest nach einem Jahr

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December 30, 2025
30.12.2025
3 Minuten Lesezeit

Die „KI-Ära" ist Wort des Jahres 2025. Was hat die Technologie Steuerberatern tatsächlich gebracht? Ein Blick in die Kanzleien.

Flächendeckende Nutzung, unterschiedliche Ergebnisse

Eine Studie von SWI Finance zeigt: 91,6 Prozent der Kanzleien setzen mittlerweile KI ein. Recherche und Mandantenkommunikation stehen im Vordergrund. Doch der Praxisnutzen variiert erheblich.

Textarbeit läuft, Fachfragen bleiben heikel

Marina Eibl, Geschäftsführerin der Life GmbH Steuerberatungsgesellschaft, differenziert: „Steuerliche Sachverhalte sind oftmals komplex und können von der KI noch nicht vollständig erfasst werden, weshalb die Lösungen häufig fehlerhaft sind. Hier ist immer nachzuarbeiten und das Ergebnis zu prüfen. Das Ausformulieren läuft hingegen meist fehlerfrei und wird von allen stark genutzt." Bei der TAXABL Steuerberatungsgesellschaft fällt die Bilanz positiver aus. CEO Marcus Dein beschreibt den Nutzen bei komplexen Dokumenten: „Ein echter Gamechanger war für uns die Zusammenfassung komplexer Inhalte, insbesondere langer BFH-Urteile oder fachlicher Stellungnahmen. Das spart Zeit und sorgt dafür, dass wir schneller handlungsfähig sind." Die Kanzlei entwickelte sogar ein eigenes GPT für E-Rechnungen.

Automatisierte Bescheidprüfung spart Zeit

Die F&S Steuerberatung nutzt KI zum Einlesen und Prüfen von Steuerbescheiden. Inhaber Furat Al-Obaidi sieht deutliche Effizienzgewinne: „Der große Vorteil dieses Prozesses liegt in der signifikanten Zeitersparnis und der Qualitätssteigerung. Unsere frei gewordenen Kapazitäten können wir nun gezielt für die Beratung unserer Mandanten einsetzen, was deren Zufriedenheit und den Mehrwert unserer Arbeit erheblich erhöht."

Ernüchterung bei fachlicher Prüfung

Andere Kanzleien berichten von Rückschlägen. Florian Fischer von der Fischer&Reimann Steuerberatungsgesellschaft testete KI für Einspruchsvorbereitungen: „Die Ergebnisse sahen auf den ersten Blick sehr gut aus, hielten aber der fachlichen Überprüfung nicht stand. Der zeitliche Vorteil ist dann nicht mehr so groß, beziehungsweise ist er sogar negativ, weil man dem Ergebnis von Chatbots noch nicht trauen kann." Carola Kluge von der Kluge/Steinmüller Steuerberatungsgesellschaft bemängelt inkonsistente Antworten verschiedener Systeme. Datenschutzanforderungen bei der Anonymisierung fressen zudem Zeitgewinne wieder auf.

Zukunftsvision: Frühwarnsystem aus Finanzdaten

Die Erwartungen bleiben dennoch hoch. Marcus Dein sieht KI als „digitales Teammitglied" für mehr Freiraum in der Beratung. Furat Al-Obaidi blickt weiter voraus: „Unsere Vision ist, dass KI künftig in der Lage ist, aus den Zahlen der Finanzbuchhaltung automatisch relevante Kennzahlen zu extrahieren und ein Frühwarnsystem zu bilden, das uns hilft, potenzielle Risiken oder Chancen frühzeitig zu erkennen."