Das Verteidigungsministerium plant eine grundlegende Reform seiner Beschaffungsregeln und setzt damit etablierte Rüstungskonzerne unter Druck. Profitieren sollen vor allem junge Defense-Tech-Unternehmen wie Helsing, Quantum und Stark.
Die Bundeswehr will einen Milliardenmarkt für junge Defense-Tech-Unternehmen öffnen. Das Verteidigungsministerium plant, seine Beschaffungsregeln grundlegend zu reformieren, wie das „Handelsblatt“ berichtet. Das jährliche Beschaffungsbudget soll bis 2030 auf 183 Milliarden Euro steigen, mehr als doppelt so viel wie bisher. Ein großer Teil des Geldes fließt in Drohnen, Software und weltraumgestützte Technologien. Während die Aktienkurse von Rheinmetall, Renk und Hensoldt zuletzt fielen, erleben deutsche Defense-Tech-Start-ups einen beispiellosen Boom: Helsing, Quantum und Stark 3 sammelten in den vergangenen vier Wochen zusammen 3,5 Milliarden Euro von Investoren ein.
Das bisherige Preissystem stammt aus den Achtzigerjahren und orientiert sich an stabilen Industriestrukturen. Bei komplexen Systemen wie Panzern oder Kampfjets nutzt die Bundeswehr bislang ein Kosten-plus-Gewinn-Modell, dessen Gewinnspanne die sogenannte „Bonner Formel“ regelt. Das Verfahren begünstigt Großkonzerne wie KNDS und Airbus, hemmt aber Innovation, da junge Drohnen- und Softwareanbieter ihre Entwicklungen mit Venture Capital finanzieren, lange bevor sie Bundeswehr-Aufträge erhalten. Eine Arbeitsgruppe entwickelt daher neue Vergabemodelle: Künftig könnte die Bundeswehr nur noch das Ziel definieren, etwa „Lufthoheit“, statt exakte technische Spezifikationen vorzugeben. Erste Pilotprojekte laufen bereits: Für eine Brigade in Litauen beschafft die Bundeswehr „Loitering-Munition“ in einem verkürzten Verfahren, bei dem Rheinmetall, Stark und Helsing parallel entwickeln und konkurrieren. Beim „Jagdbomberdrohnen“-Projekt für die Luftwaffe treten zudem Airbus, Rheinmetall und Helsing gegeneinander an.
Verteidigungsminister Boris Pistorius kündigte im Mai eine Reorganisation des Beschaffungsamts BAAINBw in Koblenz an. Statt Abteilungen gibt es künftig „Dimensionen“ wie Land, Luft, See und Cyber, analog zur Struktur der Truppe. Die Innovationszentren der Bundeswehr erhalten mehr Gewicht: Das im Februar eröffnete Zentrum in Erding für Drohnen, Software und Robotik wird ausgebaut. In Kiel entsteht zudem ein zweites Zentrum für Marinefähigkeiten. Diese Zentren sollen künftig nicht nur Innovationen identifizieren, sondern auch eigenständig Beschaffungen initiieren und Bewertungen für Bezahlungen vornehmen.




