Hohe Standortkosten und politische Unsicherheit veranlassen die deutsche Chemie- und Pharmaindustrie, ihre Investitionen verstärkt ins Ausland zu verlagern. Der Branchenverband VCI warnt vor einer strukturellen Schwäche des Standorts.
Die deutsche Chemie- und Pharmaindustrie verlagert wegen hoher Standortkosten und politischer Unsicherheiten ihre Investitionen zunehmend ins Ausland. Fast jedes zweite Unternehmen (45 Prozent) plane, seine Investitionen im Inland zu kürzen, während 40 Prozent ihre Ausgaben im Ausland erhöhen wollten, fasste der Branchenverband VCI die Ergebnisse einer Umfrage unter seinen Mitgliedsunternehmen zusammen. Auch das operative Geschäft bleibt schwach: Im ersten Halbjahr sank die Produktion im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 3 Prozent, der Umsatz fiel um 1 Prozent auf 106 Milliarden Euro. Der Anstieg des Inlandsumsatzes um 2 Prozent sei vor allem auf Sondereffekte zurückzuführen, da Kunden wegen der Sperrung der Straße von Hormus aus Sorge vor Versorgungsengpässen ihre Lager aufgefüllt hätten und der Wettbewerbsdruck aus Asien vorübergehend nachgelassen habe. „Wir erleben nur eine Atempause, keine Trendwende“, betonte VCI-Präsident Markus Steilemann. Für das Gesamtjahr rechnet der Verband mit einem weiteren Produktionsrückgang von 1,5 Prozent, auf eine konkrete Umsatzprognose verzichtete er wegen der hohen Unsicherheiten erneut.
Besonders besorgt zeigte sich der VCI über die strukturelle Schwäche des Standorts Deutschland. Mit produktiven Nettoinvestitionen von 0,2 Prozent der Wirtschaftsleistung bilde die Bundesrepublik im internationalen Vergleich das Schlusslicht. Als größtes Investitionshemmnis nannten 86 Prozent der Unternehmen die hohen Kosten, dicht gefolgt von der Energie- und Klimapolitik. Die anhaltende Schwäche schlägt sich auch auf dem Arbeitsmarkt nieder, die Zahl der Beschäftigten sank in der Branche um 1 Prozent auf 471.500. Laut Umfrage beklagen 83 Prozent der Unternehmen, dass die Risiken einer Deindustrialisierung nicht ausreichend ernst genommen würden. Steilemann bezeichnete das jüngste Reformpaket der schwarz-roten Bundesregierung zwar als ersten ernsthaften Versuch, regulatorische Fesseln zu lösen, dieser Kurs müsse nun jedoch konsequent fortgesetzt werden. Nötig seien wettbewerbsfähige Unternehmenssteuern, niedrigere Arbeitskosten und ein konsequenter Bürokratieabbau.




