Künstliche Intelligenz ersetzt keine Berufseinsteiger, argumentieren zwei Führungskräfte der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft. Im Gegenteil: Gerade fehlende Routine mache junge Talente wertvoll.
Die Debatte um KI und Arbeitsplätze trifft Berufsanfänger mit voller Wucht. Wer eine Karriere in der Beratung anstrebt, sieht sich plötzlich mit algorithmischen Konkurrenten konfrontiert, die Präsentationen erstellen und Daten analysieren. Doch bei EY hält man dagegen. Dan Diasio, weltweit verantwortlich für KI im Consulting-Bereich, dreht die Perspektive um: Gerade weil Juniorberater noch keine eingefahrenen Arbeitsweisen mitbringen, seien sie besonders wertvoll. Sie kämen wie ein leeres Blatt, ohne jahrzehntealte Annahmen darüber, wie Aufgaben zu erledigen seien. Das ermögliche es ihnen, bestehende Prozesse grundsätzlich zu hinterfragen. Errol Gardner, globaler Leiter des Consulting-Geschäfts bei EY, sieht in den jungen Kollegen sogar die größte Chance für Veränderung innerhalb der Organisation. Sie brächten digitale Grundfähigkeiten und Kreativität mit, die im Zeitalter intelligenter Maschinen unverzichtbar seien. Sein Appell an die Einsteiger: Mutig sein, etablierte Abläufe infrage stellen, Technologie gezielt einsetzen.
Anders als manche Wettbewerber hat EY seine Rekrutierung von Hochschulabsolventen nicht zurückgefahren. Gardner betont, dass sich die Einstellungspolitik durch KI nicht substanziell verändert habe. Das Unternehmen stelle weiterhin ein, um das Wachstum im Beratungsgeschäft zu stützen. Andere Häuser wie PwC haben in den USA ihre Absolventenziele teilweise gesenkt und dabei ausdrücklich auf den Einfluss intelligenter Systeme verwiesen. Diasio warnt vor überzogenen Erwartungen an automatisierte Lösungen. Künstliche Intelligenz ohne menschlichen Kontext, Fachwissen und Erfahrung erzeuge lediglich statistische Gleichförmigkeit. Er nennt das Ergebnis polierten Brei. Wissensarbeiter insgesamt, nicht nur die jungen, hätten in der aktuellen Debatte einen schlechten Ruf bekommen. Dabei seien es gerade Menschen mit ihrer Kreativität, die das Spektrum des Möglichen erweiterten.
Was sich ändert, ist die Art der Arbeit. Gardner erwartet, dass Berater künftig weniger Zeit mit dem verbringen, was er als Montagearbeit bezeichnet: Präsentationen zusammenstellen, Angebote entwerfen, Informationen aufbereiten. Stattdessen werde mehr Zeit in die Interpretation von Erkenntnissen und die Gestaltung von Ergebnissen fließen. Das Kernziel bleibe jedoch unverändert: Wert für Kunden schaffen, Veränderungen begleiten, Entwicklung vorantreiben. Solange Menschen von Menschen kaufen, werde das so bleiben.




