Hunderttausende von Prüfungsschritten sollen künftig mit Unterstützung sogenannter Agenten ablaufen. Damit greift einer der weltgrößten Wirtschaftsprüfer tief in die eigenen Arbeitsabläufe ein.
Wer wissen will, wohin die Reise geht, schaut auf die Zeitachse. Bis 2028 sollen sämtliche Phasen einer Abschlussprüfung bei EY durchgängig mit KI-Funktionen begleitet werden. Bis dahin folgt das Haus dem Muster zahlreicher Pilotprojekte, aus denen sich die endgültige Integration entwickelt. Die abschließende Beurteilung soll dabei in menschlicher Hand bleiben. Auch das fachliche Urteil über einzelne Sachverhalte verbleibt bei der Prüferin oder dem Prüfer.
Wie das in der Praxis aussieht, formuliert Stefan Uher, der bei EY Österreich die Wirtschaftsprüfung verantwortet, recht klar: „Die Abschlussprüfung wird zunehmend datengetrieben und komplexer. Agentenbasierte KI hilft uns, Risiken klarer zu identifizieren und unsere Prüfungen noch konsistenter und zielgerichteter zu gestalten. Gleichzeitig bleibt das professionelle Urteil der Prüferinnen und Prüfer der zentrale Anker für Qualität und Vertrauen."
Anstatt einzelne Werkzeuge auf bestimmte Aufgaben loszulassen, setzt EY auf einen Verbund aus mehreren spezialisierten Programmen. Diese kümmern sich um koordinierende und analytische Tätigkeiten. Konkret geht es darum, große Datenmengen in eine durchsuchbare Form zu bringen, Unregelmäßigkeiten frühzeitig sichtbar zu machen und Prüfungsrisiken besser einzuordnen. Auch der laufende Abgleich mit aktuellen Vorschriften der Rechnungslegung und Aufsicht soll künftig in Echtzeit erfolgen.
Hinter den Kulissen kommt eine Mischung aus Diensten des US-Softwarekonzerns zum Einsatz: Azure, Foundry und Fabric bilden das Fundament des Multi-Agenten-Systems. Verbaut wird das Ganze in die hauseigene Prüfungsplattform Canvas, die schon heute Eindrückliches leistet. Jährlich gehen dort mehr als 1,4 Billionen Buchungszeilen durch das System.
Die Tragweite der Umstellung erschließt sich erst beim Blick auf die Belegschaftszahlen. Rund 130.000 Prüferinnen und Prüfer in mehr als 150 Ländern werden mit den neuen Funktionen arbeiten, an etwa 160.000 Mandaten. Damit das Personal mitziehen kann, hat das Haus ein globales Ausbildungs- und Enablement-Programm aufgelegt.
EY steht mit dieser Initiative nicht allein da. Auch die anderen drei Vertreter aus der Spitzengruppe der Branche, also Deloitte, KPMG und PwC, haben künstliche Intelligenz längst in ihre Prüfungsroutine eingebaut. Der Wettlauf um die effizientesten Lösungen prägt das Geschäft der großen Häuser zunehmend.




