Der Schiffbaukonzern Fincantieri lotet gemeinsam mit EY und der EY-NVIDIA-Alliance aus, wie humanoide Roboter gefährliche und monotone Arbeiten übernehmen können. Trainiert wird zunächst rein virtuell, bevor die Modelle in echte Prototypen wandern.
Wie viele Schwerindustrien kämpft Fincantieri, einer der größten Schiffbaukonzerne der Welt mit über 230 Jahren Geschichte, 18 Werften und rund 23.000 Beschäftigten, zunehmend damit, Fachkräfte für körperlich fordernde, monotone und riskante Tätigkeiten zu finden. Zugleich wiegt jeder Zwischenfall in einer Hochrisikoumgebung schwer, nicht nur für die Betroffenen, sondern auch für Produktivität und Ruf. Der Konzern denkt seine Personalmodelle deshalb neu und prüft, wie fortgeschrittene Automatisierung Beschäftigte bei anspruchsvollen Aufgaben entlasten und die Sicherheit erhöhen kann. Humanoide Roboter rücken dabei als vielversprechende Option in den Blick, weil sie in einer für Menschen gebauten Umgebung agieren können.
Erst simulieren, dann bauen
Zusammen mit EY und der EY-NVIDIA-Alliance entwirft der Konzern ein mehrjähriges Programm für „Physical AI“, dessen Leitprinzip die simulationsgestützte Entwicklung ist. Statt die Roboter direkt in der realen Werft anzulernen, schaffen die EY-Teams maßgeschneiderte virtuelle Umgebungen auf Basis von NVIDIA Omniverse und NVIDIA Isaac. Dort bringen Verfahren wie Reinforcement und Imitation Learning den Humanoiden grundlegende Fähigkeiten bei, vom Stehen und Balancieren bis zu kontrollierten Bewegungsabläufen. Der Vorteil: Szenarien lassen sich beliebig oft wiederholen und Parameter schnell anpassen, ohne den laufenden Betrieb zu stören oder Menschen zu gefährden. Erst nach der digitalen Validierung wandern die trainierten Modelle in physische Prototypen für kontrollierte Realtests, die bereits einfache Bewegungen und strukturierte Aufgaben bewältigen.
Über den Einzelfall hinaus liefert das Projekt eine Blaupause dafür, wie komplexe Industriebetriebe humanoide Robotik behutsam einführen können. Statt kurzfristiger Effizienzgewinne steht der langfristige Kompetenzaufbau im Vordergrund: Gelernt wird zuerst in kontrollierten Umgebungen, sodass Sicherheit, Governance und Betriebsreife mit der Technik mitwachsen. Ausdrücklich geht es darum, menschliche Teams zu ergänzen, nicht zu ersetzen, und so Lieferverpflichtungen zu sichern und zugleich das Wohl der Beschäftigten zu schützen. Der Fahrplan sieht künftig verfeinerte autonome Verhaltensweisen, weitere Aufgabentypen und die Vorbereitung eines breiteren Industrieeinsatzes vor. Belastbare Wirkungszahlen liegen noch nicht vor, doch Fincantieri positioniert sich damit unter den Vorreitern, die Physical AI als strategische Langfristfähigkeit begreifen.




