Commerzbank-Aufsichtsratschef Jens Weidmann hat Unicredit zu direkten Gesprächen über die Zukunft der Bank aufgefordert. Unicredit-Chef Andrea Orcel zeigt sich zuversichtlich und kündigt eine baldige, überraschend weitreichende Einigung an.
Commerzbank-Aufsichtsratschef Jens Weidmann hat sich in den Streit um die Übernahme des Frankfurter Geldhauses eingeschaltet und die italienische Unicredit zu direkten Gesprächen aufgefordert. Der ehemalige Bundesbank-Chef gesteht damit ein, dass an einer Machtübernahme durch die Mailänder Großbank nichts mehr vorbeiführt. „Auch wenn wir es uns anders gewünscht hätten, die Mehrheitsverhältnisse auf der nächsten Hauptversammlung sind klar“, teilte Weidmann mit. „Jetzt geht es darum, in konstruktiven Gesprächen wichtige Eckpunkte für Mitarbeiter, Aktionäre und die Kunden der Bank festzulegen.“ Unicredit hat sich im Zuge ihres Übernahmeangebotes fast die Hälfte der Commerzbank-Anteile gesichert. Weidmann reagierte damit auf Äußerungen von Unicredit-Chef Andrea Orcel, der bei der Vorlage der Halbjahreszahlen angekündigt hatte, mit der Bundesregierung und dem Betriebsrat über eine gemeinsame Zukunft seines Hauses mit der Commerzbank sprechen zu wollen. Den Commerzbank-Vorstand um Bettina Orlopp hatte er dabei nicht als Gesprächspartner erwähnt. „Alle sollten sich jetzt wie Erwachsene verhalten, denn eins ist klar: Diese Gespräche sind auch im Interesse der Unicredit, und es wird keine Abkürzung über Berlin geben“, betonte Weidmann.
In einem Interview mit dem Corriere della Sera zeigte sich Orcel zuversichtlich, dass Gespräche mit der Bundesregierung und anderen Beteiligten zur Übernahme der Commerzbank zu einem Abschluss führen könnten. Es werde eine Einigung geben, und es werde eine Überraschung sein, wie groß die Annäherung ausfalle, erklärte der Manager. Man wolle sozialen Fragen, dem Thema Mittelstandsfinanzierung und auch der Finanzierung der Transformation der deutschen Wirtschaft Rechnung tragen. Unicredit hätte nicht 22 Milliarden Euro ausgegeben, um eine Marke zu verbrennen. Orlopp hatte lange um die Unabhängigkeit der Commerzbank gekämpft, nach dem Ergebnis des Übernahmeangebots aber mehrfach ihre Bereitschaft zu Verhandlungen betont. Mehrere frühere Gesprächsanläufe blieben jedoch ergebnislos. Orcel will die Commerzbank auf das Geschäftsmodell der Unicredit verpflichten, Orlopp fordert dagegen den Erhalt des umfangreichen Auslandsnetzes, mit dem die Bank ihre Mittelstandskunden beim Export begleitet. Der hessische Ministerpräsident Boris Rhein stellte sich hinter Weidmanns Forderung nach direkten Gesprächen und nannte als zentrale Erwartungen ein Bekenntnis zum Hauptsitz in Frankfurt, den Erhalt wichtiger Arbeitsplätze sowie die langfristige Sicherung der Mittelstandsfinanzierung.




