Nicole Ratzinger-Sakel setzt auf Praxisnähe und digitale Werkzeuge. Der Nachwuchsmangel in der Branche treibt den Wandel an.
Die Wirtschaftsprüfung hat ein Altersproblem. Mehr als 60 Prozent der Berufsträger in Deutschland sind über 50, nur ein Bruchteil davon weiblich. In den kommenden Jahren gehen Tausende in den Ruhestand, während der Nachwuchs spärlich fließt. Das Examen schreckt ab, es gilt als härteste Prüfung der Betriebswirtschaft. Seit 2019 dürfen Kandidaten die Module über mehrere Jahre strecken, was die Zahlen etwas nach oben treibt. Trotzdem bleibt die Lücke zwischen Abgängen und Zugängen besorgniserregend.
An der Universität Hamburg weht frischer Wind. Nicole Ratzinger-Sakel, die dort seit einem Jahrzehnt einen Lehrstuhl für Wirtschaftsprüfung besetzt, hat das Curriculum aufgebrochen. Vorlesungen im Hörsaal weichen Fallstudien und Diskussionsrunden. Praktiker aus Kanzleien kommen als Gastdozenten, Studierende besuchen Prüfungsgesellschaften vor Ort. Nachhaltigkeitsberichterstattung, Governance-Fragen und digitale Analysemethoden stehen auf dem Lehrplan. Künstliche Intelligenz ist willkommen, solange die Ergebnisse kritisch hinterfragt werden. Der Erfolg zeigt sich in den Anmeldezahlen: Ihr Masterkurs zur Digitalisierung der Prüfung zieht über 60 Studierende an.
Der Beruf wandelt sich, und das spricht neue Zielgruppen an. Routinetätigkeiten wandern zu Algorithmen, Menschen konzentrieren sich auf Urteilsvermögen und Analyse. ESG-Themen ziehen Studierende an, die nach Sinnhaftigkeit suchen. Die Verbindung von Daten und Technologie lockt jene, die früher vielleicht Informatik gewählt hätten. Ratzinger-Sakel zeigt als Professorin mit Kind, dass Karriere und Familie vereinbar sind. Ihre Absolventenzahlen steigen, und viele ihrer ehemaligen Studierenden gehen inzwischen zu Prüfungsgesellschaften. Die Branche braucht solche Impulse, wenn sie ihren Nachwuchs sichern will.




