EY hat multiagentische KI in seine globale Prüfungsplattform integriert und 130.000 Prüfer damit ausgestattet, hält aber am Menschen als letzter Instanz fest.
Seit April 2026 steckt ein Multi-Agenten-System in EY Canvas, der weltweiten Prüfungsplattform des Hauses, die laut EY jährlich bis zu 1,4 Billionen Buchungszeilen verarbeitet und über 160.000 Mandate trägt. Der Einstieg verlief schrittweise: Erste Agenten übernahmen 2025 die Recherche zu Bilanzierungs- und Methodikfragen, im Frühjahr kamen Projektmanagement-Funktionen hinzu, über den Sommer folgten Agenten, die Prüfungsunterlagen entwerfen und Reviews unterstützen. Gemeinsam beschleunigen sie das Aufspüren von Auffälligkeiten und Risiken. Bis 2028 soll die Technik den gesamten Prüfungsprozess abdecken. Der Schritt ist Teil einer vor vier Jahren angekündigten Milliardeninvestition in eine einheitliche, cloudbasierte Prüfungsplattform, auf der ein zertifizierter Agent weltweit ausgerollt werden kann.
EY-Partner Richard Harrison betont die enge Zweckbindung: Jeder Agent bearbeite klar umrissene Aufgaben, greife nur auf die dafür nötigen Daten und Werkzeuge zu und durchlaufe einen Zertifizierungsprozess. Darüber liegt ein Regelwerk aus neun Prinzipien verantwortungsvoller KI sowie ein „Orchestrator“, der den passenden Agenten zur richtigen Zeit einsetzt. Ergänzt wird das durch Architektur-Transparenz und unveränderliche Prüfprotokolle, die Nachvollziehbarkeit und regulatorische Konformität sichern sollen. Vorgeschaltet war zudem Schulung: EY unterscheidet dabei zwischen KI-Literacy, also dem Verständnis der Funktionsweise, und KI-Fluency, der Fähigkeit, mit Mandanten fundiert über sicheren KI-Einsatz zu sprechen.
Anders als bei zentral organisierten Kontrollmodellen fungiert bei EY jeder der 130.000 Prüfer selbst als „Human in the Loop“ und verantwortet die Ergebnisse der genutzten Agenten, flankiert von Entwicklerteams, die auf Modelldrift achten. Über Chat-Oberflächen und generierte Audit-Trails lässt sich nachvollziehen, was ein Agent getan hat und auf welcher Datenbasis. Für Harrison ändert KI nichts an den Grundtugenden guter Prüfer, an Neugier, Skepsis und Urteilskraft, und ebenso wenig an der Haftung: Autorität lasse sich nicht an eine KI delegieren, und niemand wolle das. Nachwuchskräften rät er, trotz aller Technik weiter Soll und Haben, Methodik und Risikobewertung von Grund auf zu lernen, denn nur wer die Grundlagen beherrsche, könne die Rolle der letzten Kontrollinstanz überhaupt ausfüllen.




